Felicitas & Volker Lehnert

Rommerskirchen - Gill


Themen & Texte


Volker A. Lehnert

Der Ritt in den Sonnenuntergang
oder: von der Kunst alt zu werden

Vor einigen Monaten strahlte das Fernsehen eine Musikshow zur Erinnerung an die 70er Jahre aus. Moderation: Thomas Gottschalk. Alternde Musikerinnen und Musiker brachten die Hymnen der heute über 60-jährigen auf die Bühne. Erinnerungen und regressive Gefühlswallungen brachen sich Bahn und der Moderator war voll in seinem Element. Im Abspann dankte er allen Mitwirkenden und dann wandte er sich an das Publikum mit den Worten:

„Wir reiten dem Sonnenuntergang entgegen…“.

Ein bemerkenswerter Satz, oder? Ruft er doch nicht weniger ins Bewusstsein als die unwiderlegbare Tatsache, dass die Generation, die jetzt eben an seiner Sendung viel Spaß gehabt hat, diejenige ist, die nun in ihr letztes Lebensviertel einbiegt. Sonnenuntergang – Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen (Ps. 90,12). Übernahm hier plötzlich das Unterhaltungsfernsehen die Funktion des Psalms?

In jedem Fall wurde das Thema aufgerufen, an dem kein Mensch, ja kein Lebewesen vorbeikommt. Unsere Zeit ist begrenzt und der Herbst des Lebens führt – auch wenn mancher Zeitgenosse gelegentlich Anwandlungen eines zweiten Frühling zu verspüren vorgibt – unwiderruflich in den Winter.

Im Folgenden also einige Gedanken zum Altwerden:

Altwerden ist unvermeidlich

Das Altern ist nicht zu verhindern, es sei denn, man stirbt zu früh. Dabei wollen viele Menschen zwar alt werden, aber nicht alt sein. Das wäre schön, geht aber nicht. Anti-Aging ist nichts anderes als die kommerzielle Ausnutzung der Todesangst, indem man für einen suggestiven Verdrängungsprozess auch noch bezahlt. Sport ist ein ehrenwerter Versuch, sich einige Jahre länger fit und beweglich zu halten, besonders gegen die zeitgenössische Sitzkrankheit in vielen Berufen, allein das Sterben verhindert er nicht. Übertreiben wir’s, wie es viele Hochleistungssportler demonstrieren, altern wir sogar früher. Auch das immer wieder zu beobachtende Phänomen einer neuen, jüngeren Partnerwahl im fortgeschrittenen Alter, ist nichts anderes, als die verzweifelte Illusion, noch einmal zurück auf Null springen zu können und dabei 1000 Euro einzuziehen.

Das Alter ist nicht zu verhindern, sondern gehört zum Leben. Wir sollten dem ins Auge sehen und uns darauf einstellen. Unsere Uhr tickt und nichts hält sie  auf.

Altwerden stellt vor neue Aufgaben

Welche Herausforderung stellt das Alter dar? Körperliche Kräfte lassen nach, oft auch geistige. Die berufliche Funktion erlischt, jedenfalls in den meisten Berufen. Die gesellschaftliche Bedeutung verblasst. Neue Generationen gehen neue Wege und die Erfahrungen der Alten werden oft übersehen oder tragen nicht mehr, weil die Welt, der sie gedient haben, gar nicht mehr existiert. Welchen Sinn hat das Leben, wenn die Erwerbstätigkeit durch die Rente abgelöst wird, die Kinder lange aus dem Haus sind und die Weggenossen aus der Jugend allmählich ihre letzte Reise anzutreten beginnen? Gerade war man noch zu Hochzeiten und Taufen eingeladen, da mehren sich auch schon die Beerdigungen. „Ein Dampf seid ihr“, schreibt Jakobus.

Stimmt!   

Altwerden führt oft in die Quantitätsfalle

Todesangst verführt uns oft dazu, unser Leben in erster Linie quantitativ zu betrachten und dabei die Sinnfrage zu vernachlässigen. Was muss ich tun, damit ich noch möglichst lange einsatzfähig bin? Wozu, das weiß ich gar nicht, aber wenigstens möglichst lange. Unzählige Gespräche im Rahmen der Seelsorge belegen dies, nicht nur mit denen, die in Heimen leben.  

Welche Aufgabe hält denn das Leben, hält Gott für mich bereit, wenn der Beruf entfällt und die Vitalität vergeht?

Der Kabarettist Jürgen Becker hat einmal ein Symposion der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Thema Ehrenamt moderiert. Dabei führte er in unnachahmlicher ‚rheinischer‘ Manier aus, die evolutionäre und historische Grundlage des Ehrenamtes bestünde in der Tatsache, dass die Lebenserwartung des Menschen weit über die natürliche Fortpflanzungszeit hinausgeht, was den Sinn hätte, die nächste Generation in der Aufzucht von deren Kindern zu unterstützen. In der Großelternschaft bestünde damit die vornehmste Aufgabe des letzten Lebensviertels. Da auf Grund moderner Lebenswelten die Wohnorte von Großfamilien oft weit auseinander liegen, gibt es zunehmend Großeltern ohne Enkel und Enkel ohne Großeltern. In den Ehrenamtszentralen vieler Städte hat sich daher ein Wahlgroßelternsystem etabliert. Offensichtlich meldet sich das qualitative Bedürfnis doch immer wieder von selbst.

Es geht aus christlicher Sicht eben nicht in erster Linie darum, möglichst lange zu leben, sondern die Lebenszeit, die einem geschenkt wird, möglichst sinnvoll zu nutzen. Die Quantifizierungssuggestion der modernen Konsumgesellschaft führt hier definitiv in die Irre.

Aber auch, wenn mir keine Enkel vergönnt sind, die Frage ist immer: Welche qualitative Aufgabe kommt mir eigentlich zu bei meinem Ritt in den Sonnenuntergang?

Das vierte Quartal als Zugabe betrachten

Folgt man der evolutionstheoretischen Auffassung Jürgen Beckers nicht, könnte man das vierte Quartal auch anders interpretieren. Die berufliche Lebensarbeit wird mit der Pensionierung beendet. Der Primäranteil familiärer Lebensarbeit ist abgeschlossen, wenn die Kinder auf eigenen Füßen stehen. Damit habe ich mein Werk auf Erden getan. Was jetzt noch an Lebensjahren kommt, ist Zugabe. Es besteht kein Anspruch mehr. Zugaben kommen immer obendrauf, ‚on top‘ sozusagen. Interpretiert man sein Altern in dieser Weise, kehren sich sofort die Perspektiven um. Aus „Womit habe ich das verdient, dass sich alles reduziert?“ wird: „Wie komme ich eigentlich zu der unverdienten Ehre, weitere zusätzliche Jahre geschenkt zu bekommen?“ Aus Einschränkung wird Beschenkung, eine spezifische Sichtweise, die unser Lebensgefühl nachhaltig zu verändern vermag.

Den Verlust der eigenen Jugend nicht als Verfall der Welt deuten

Älterwerdende neigen schnell dazu, ihre Vergangenheit zu verklären. Früher war eben alles besser. Dass dies nicht stimmt, ist zwar eigentlich klar, wird aber subjektiv meist nicht so empfunden. Bedauert wird der eigene Verfall. Um diesen zu ertragen, projizieren wie die schmerzliche Realität auf die nachrückende Jugend. Und schon sind die neuen Zeiten unglaublich kritikwürdig, obwohl unser Sozialsystem den meisten Menschen einen Lebensabend beschert wie es ihn noch nie in der Weltgeschichte gab. Hier tut eine Umkehr der Perspektive not, denn die individuelle Sichtweise prägt das zugehörige Lebensgefühl. 

Dort, wo alte Menschen sich für die Fragen der Jugend interessieren und nicht in erster Linie das Gegenteilige erwarten, bleibt oftmals geistige Wachheit länger erhalten. Wer Anteil nimmt am Weltgeschehen, erhöht seine Chancen den eigenen Verfall spürbar zu entschleunigen.

Gerne erinnere ich mich an einen 90jährigen Arzt in meiner Gemeinde. Er litt viele Jahre lang an Krebs, hat sich aber nicht beirren lassen, sich nicht ständig selbst zum alleinigen Thema gemacht. Kehrte ich von der Landessynode zurück, konfrontierte er mich stets sofort mit Fragen zu den neuesten Beschlüssen, die er in der Presse aufmerksam verfolgt hatte. Der alte Herr hat mich mächtig beeindruckt. Er wollte bis zuletzt Anteil nehmen an der Geschichte seiner Gegenwart.

Ja, auch er ritt dem Sonnenuntergang entgegen, wer wollte das bestreiten. Aber er tat es würdig und aufrecht und hoffnungsvoll. Er hatte die Kunst des Altwerdens entdeckt.

Und er wusste vom Sonnenaufgang…


Volker A. Lehnert

Ich glaube -
Das CREDO als Zip-Datei des Vertrauens

Ein Glaubensbekenntnis wird in Theologie und Kirche als „Credo“ bezeichnet. Das ist 1. Person Singular Präsens von lat. credere = glauben, vertrauen. „Credo“, traditionell übersetzt mit „ich glaube“ könnte also auch mit „ich vertraue“ wiedergegeben werden, was auch dem im Neuen Testament verwendeten griechischen „pisteuo“ entspräche.

Zwischen ‚glauben‘ und ‚vertrauen‘ besteht nämlich durchaus ein kleiner, aber feiner Unterschied. Dies lässt sich gut verdeutlichen am semantischen Spektrum des Wortes ‚glauben‘ im Deutschen:

‚Glauben‘ kann zunächst bedeuten, irgendetwas ‚für wahr zu halten‘, ohne dass es weiter von persönlichem Belang wäre. Zum Beispiel die Wetternachrichten. Wenn mir am Ende der Tagesschau angekündigt wird, der morgige Tag werde bedeckt sein, dann habe ich keinen Grund dies nicht auch zu glauben. Es wird dann wohl so kommen. Habe ich aber am nächsten Tag gar nicht vor das Haus zu verlassen, dann könnte diese Information, die ich sehr wohl glaube, für mich persönlich reichlich belanglos bleiben. Ich glaube dann etwas, was aber ohne jegliche Relevanz bleibt. Die altprotestantische Dogmatik bezeichnete diese Gestalt von Glauben als ‚notitia‘. Ich nehme etwas zur Kenntnis, ohne dass es mich in irgendeiner Weise beträfe.

‚Glauben‘ kann aber auch bedeuten, irgendetwas für ‚wahr zu halten‘ und es zugleich auch für mich ‚anzuerkennen‘. Zum Beispiel die zehn Gebote. Viele Menschen, auch von der Kirche Distanzierte, erkennen das Ethos der zweiten Tafel durchaus an. Nicht stehlen ist richtig und hat Bedeutung für sie. Sie werden dann ebenfalls nicht stehlen. Nicht töten ist richtig und hat Bedeutung für sie. Sie werden dann ebenfalls nicht töten. Die altprotestantische Dogmatik bezeichnete diese Gestalt von Glauben als ‚assensus‘. Ich nehme etwas zur Kenntnis und erkenne es zugleich als für mich relevant an. Es betrifft mich.

‚Glauben‘ kann aber auch noch etwas anderes bedeuten. Nehmen wir an, ich erzähle Ihnen, mir sei es soeben gelungen als fünffacher Großvater noch meinen Flugschein zu bestehen. Würden Sie mir glauben im Sinne von ‚notitia‘? Vermutlich ja, denn sie hätten hoffentlich keinen Grund zu der Annahme, dass ich Sie belüge. Würden Sie mir glauben im Sinne von ‚assensus‘, also wirklich anerkennen, dass ich da noch einmal etwas geschafft habe, was Sie mir vielleicht gar nicht zugetraut hätten, würde man das daran merken, dass Sie es möglicherweise schnell Dritten weiterzählen würden.
Woran aber würde man erkennen, dass Sie mir auch wirklich zutrauen zu fliegen? Wohl daran, dass Sie mit mir zum Sportflughafen führen, in meine bereitstehende Cessna einstiegen und sich mit mir als Pilotneuling in die Lüfte erheben würden. Sie würden dann nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass ich den Flugschein habe, Sie würden nicht nur anerkennen, dass ich fliegen kann, nein, darüber hinaus würden Sie sich mir auch ‚anvertrauen‘. Die altprotestantische Orthodoxie bezeichnete diese Gestalt von Glauben als ‚fiducia‘, Vertrauensglauben.

Sowohl die biblischen Texte als auch das Glaubensbekenntnis spricht in dieser dritten Kategorie von Glauben. Glauben heißt nicht allein ‚für wahr halten‘ und ‚anerkennen‘. Glauben heißt in erster Linie ‚sich jemandem anvertrauen‘.

Übrigens steckt ein Rest dieses Verständnisses auch noch in dem Lehnwort ‚Kredit‘, denn wer einen Kredit gibt, vertraut darauf, sein Geld eines Tages auch wirklich wieder zurückzuerhalten. 

Das Glaubensbekenntnis spiegelt diese Dimension wider in der Konstruktion mit ‚an‘, lat. credo ‚in‘: Ich glaube ‚an‘ Gott, ‚an‘ Jesus Christus, ‚an‘ den Heiligen Geist.

 

Ich glaube an Gott

Notitia hieße: Ich nehme zur Kenntnis, irgendetwas Höheres wird es wohl geben. Die Bibel gibt diesem Höheren ein Gesicht. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Auch hat sich dieser Gott bei mir noch nicht vorgestellt. Agnostische Positionen, die den Schritt zum bekennenden Atheismus nicht oder noch nicht vollzogen haben, argumentieren gerne in dieser Weise. Sie leugnen Gott nicht - irgendwoher muss ja schließlich alles kommen -, aber er bleibt konturlos, irrelevant, nicht greifbar.

Assensus hieße: Ich erkenne an, dass es Gott gibt. Er ist der Schöpfer der Welt, die prima causa aller Wirklichkeit. Er ist im Sinne Kants dann wohl auch der höchste Gesetzgeber, der Inbegriff des Kategorischen Imperativs und die alles bemessende Instanz. Aus seiner Schöpfermacht folgt eine Ethik der Bewahrung der Schöpfung. Aus seinen Geboten folgen eine Grundhaltung des sozialen Zusammenlebens und ein Bemühen um Gerechtigkeit.

Fiducia aber hieße: Ich vertraue mich IHM an. Ich glaube nicht allein, dass Er da ist, sondern, dass er die Welt und damit auch mich wirklich in seiner Hand hält. Fiducia sagt nicht allein ‚Es gibt einen Gott‘, sondern auch ‚Du bist da!‘ Fiducia tritt in eine Beziehung zu Gott und pflegt den Kontakt mit ihm. Fiducia betet. Fiducia vertraut sich ihm an im Leben und im Sterben. Fiducia ist es gelungen, das Urvertrauen des Herzens, das in der Kindheit einmal allein den Eltern galt, auf den Urgrund der gesamten Wirklichkeit auszudehnen.

 

Ich glaube an Jesus Christus

Notitia hieße: Ich nehme zur Kenntnis, dass es einst einen galiläischen Wanderprediger gab, an Weihnachten geboren, der vom Glauben beseelt für seinen Glauben gestorben ist. Offensichtlich konnte dies dem Eindruck, den er auf seine Anhänger gemacht hatte, nicht schaden und sie glaubten weiterhin an ihn. Irgendwie hat sich dann das Christentum in der Welt verbreitet und diese geprägt. Dies neigt sich in der Gegenwart dem Ende zu und in Zukunft wird es etwas Neues Prägendes geben. Es gehört aber noch zum Allgemeinwissen, über diese Traditionen einige Kenntnisse zu haben. Und es kann ja auch nicht schaden, kirchlich beerdigt zu werden.

Assensus hieße: Dieser Jesus ist schon bedeutsam. Albert Schweizer vertrat die Auffassung, selbst wenn er nie gelebt haben sollte, müsste man dennoch an ihn glauben, denn durch seine Prägung und Inspiration verändert sich die Ethik der Welt zum Guten. Sein Gebot der Liebe ist unbedingt anerkennenswert und tut dieser Welt auch Not. Ohne Liebe wäre ja alles nichts. In Kindergarten und Schule sollten die Geschichten von Jesus erzählt werden. Menschliche Herzen, die von ihm angerührt werden, werden dadurch noch menschlicher.

Fiducia aber hieße: In Jesus Christus hat Gott seinen Fuß auf diese Welt gesetzt. Wer Ihn sieht, der sieht in Gottes Angesicht. Er hat die Menschen mit der Liebe Gottes berührt. Und er berührt auch mich. Viele sind daran genesen. Viele sind neue Menschen geworden. Etliche haben neue Kraft und Hoffnung geschöpft. Auch ich. Etliche haben die Angst vor dem Tod verloren. Als er starb, ist in Wahrheit nicht er, sondern der Tod gestorben. Wie Luther sagt: Das Totenreich hat sich an ihm den Magen verdorben, daher musste es ihn wieder ausspeien. Ostern ist die eigentliche Realität der Welt. Ich bin getauft. Sein Weg ist somit auch mein Weg. Mein Tod wird mit seiner Auferstehung eins. Allen Verfehlungen meines Lebens begegnet er mit Barmherzigkeit. Er hat mit seiner Liebe Fußstapfen hinterlassen, in denen ich mich bewegen kann. Wenn die Stunde Null für mich kommen wird, weiß ich, er wartet auf mich an dem Ort, an den er schon vorangegangen ist. Wo immer dies sein wird. Wenn ich sterben muss, lädt er mich in seine Cessna ein und alles wird gut sein. Fiducia heißt, ich halte dies nicht nur für möglich, sondern ich bin gewiss, es wird so sein. Darauf vertraue ich.

 

Ich glaube an den Heiligen Geist, ich glaube die Heilige christliche Kirche

Es ist interessant, dass es im dritten Artikel bezogen auf die Kirche nicht ‚credo in‘ heißt, sondern ‚credo ecclesiam‘, also nicht: Ich glaube ‚an‘ die Kirche, sondern: Ich glaube ‚die‘ Kirche. Unser existenzielles Vertrauen gehört nicht der Institution, sondern dem Herrn der Institution, wenn man so will dem Eigentümer der Kirche! Die Kirche rettet nicht, die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die darauf vertrauen, dass sie durch Jesus, aramäisch Jeschua, der Retter, gerettet sind. Sie hat allerdings insofern den Charakter einer Rettungsstation, als dass sie Menschen auf den Retter hinweist und diesen in gewisser Weise auch repräsentiert, und dies, obwohl sie „sein Leib“ genannt wird, durch den Heiligen Geist. Insofern gilt der Kirche wohl unser ‚assensus‘, dem Herrn der Kirche aber unsere ‚fiducia‘.

 

Was also ist das Credo?

Das Credo als Text ist jedenfalls kein Text, den für richtig zu halten schon mein ‚credo in‘ Gott vollziehen würde. Er ist eine Art ‚mind map‘, eine Kurzskizze des Glaubens. Er zeigt die Grundlagen christlichen Gottesverständnisses in Stenographie. Das Credo ist eine Verdichtung, eine Zip-Datei der Offenbarung, die es zu entpacken gilt. Wird sie entpackt, entfaltet sie ihre Wirkung. Menschen beginnen, die zu Grunde liegenden biblischen Geschichten nachzulesen und ringen um deren Verständnis. Menschen beginnen, sich zu fragen, was sie denn selber glauben. Halte ich eine postmortale Existenz für möglich? Steckt Gott hinter dem Urknall? Worin besteht mein Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung? Was heißt, dass wir uns eines Tages vor Gott werden verantworten müssen? Was hat der ‚dritte Tag‘ mit mir zu tun? Worin besteht meine eigene Hoffnung?

Das Credo als Text ist eine Zip-Datei des Glaubens. Mein Credo als innere Haltung ist ein subjektiver Vertrauensakt Gott gegenüber. Glauben ist gut, Vertrauen ist besser. Daher plädiere ich dafür, ab sofort in deutschsprachigen Bibelübersetzungen das Verb ‚glauben‘ durch das Verb ‚vertrauen‘ zu ersetzen. Dann liest sich plötzlich alles ganz anders.                     



GOTT – Ein Bild fällt aus dem Rahmen

Die Frage nach der Legitimität von Gottesbildern hat in der Theologiegeschichte breite Aufmerksamkeit erlangt. In der reformierten Tradition wird das Bildergebot, besser: das Bilderverbot, bekanntlich als eigenes, als zweites Gebot aufgefasst. Sogar von Bilderstürmern hören wir immer wieder in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte. Was aber verbirgt sich hinter diesem Thema?

Beginnen wir ganz vorne:

In Gen 1,26 setzt Gott sich selbst ein Ebenbild: den Menschen. Dahinter steht wohl eine antike Königskritik, eine Anti-Apotheose, ein Protest gegen die Selbstvergottung. Galten in der orientalischen Umwelt allein die Könige als Ebenbilder der Götter, so in Israel alle Menschen. Die Kennzeichnung des Menschen als Gottes Ebenbild wäre dann als herrschaftskritischer, emanzipatorischer Akt aufzufassen. In gewissem Sinne haben wir es hier mit dem geistesgeschichtlichen Vorläufer und Generalimpuls zur Entwicklung von Menschenwürde und Menschenrechten zu tun.

Das Bilderverbot in Ex 20,4 bezieht sich wahrscheinlich auf altorientalische Götzenbilder, in denen die jeweilige Gottheit gleichsam sakramental gegenwärtig  geglaubt und kultisch verehrt wurde. Dies soll dem Gott Israels gegenüber nicht geschehen, wie die Erzählung vom goldenen Kalb eindrücklich illustriert (Ex 32). Er ist allein in seinem Wort und in seinem Namen präsent (Ex 3,14).

Über diese beiden Gestalten von ‚Gottesbildern‘ hinaus kennt die Bibel eine reiche Fülle von sprachlichen Gottesbildern im Sinne narrativer und metaphorischer Rede von  Gott. Logischerweise kann sich das Bilderverbot auf diese Art der Gottesbilder nicht beziehen, jedenfalls nicht kategorisch.

Betrachten wir eine kleine Auswahl:

Gott wird dargestellt als Schöpfer (Gen 1-2), Richter (Gen 6-9), Retter (Ex 12-14), Arzt (Ex15,26), König (Ps 97), Vater (Mt 6,9), Mutter (Jes 66,13), Weingärtner (Jes 5), Wort (Joh 1,1), Liebe (1 Joh 4,16), Feuer (Hebr 12,29), Geist (Joh 4,24) und als  vieles mehr. Er ist präsent im Wort (Jes 55,10f), im Säuseln (1 Kö 19,12), im Brausen (Hiob 38), im Tempel (1 Kö 8,17), im Sohn (Joh 10,30), im Geist (Apg 2), in der Gemeinde (Mt 18,20) und in vielerlei Weise mehr.  

Worin liegt diese große Vielfalt begründet?

Aus theologischer Sicht in der Undarstellbarkeit Gottes. Gott ist und bleibt das größte  „Geheimnis der Welt“ (E. Jüngel) und „wohnt in einem unzugänglichen Lichte“ (1 Tim 6,16). Gott entzieht sich per definitionem unserer Erkenntnisfähigkeit (1 Kor 2, 6-16). Wir schauen lediglich in einen „dunklen Spiegel“, schreibt der Apostel Paulus, und unsere Erkenntnis vollzieht sich immer nur „stückweise“ (1 Kor 13,12). Die vielen unterschiedlichen biblischen Gottesbilder stehen daher notwendigerweise in Spannung zueinander, um genau dies zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise bringen ausgerechnet die sprachlichen Gottesbilder die Unaussprechlichkeit Gottes zur Sprache, indem sie widersprüchlich, vielgestaltig und polyvalent von Dem reden, von Dem man als Mensch eigentlich gar nicht reden kann, jedenfalls nicht hinreichend. Die biblische Kreation von sprachlichen Gottesbildern erfüllt damit paradoxerweise das Bilderverbot und zwar genau dadurch, dass diese sich gegenseitig relativieren, korrigieren, ergänzen, in Frage stellen oder bisweilen sogar aufheben.

Es ist diese Einsicht in die sprachliche Pragmatik metaphorischer Rede, die unseren Glauben vital hält, indem sie uns vor der Ontologisierung der Metapher, dem vordergründigen wörtlichen Verständnis von Bildsprache bewahrt und genau dadurch Immunität gegen Fundamentalismus befördert. Wir können von Gott eben immer nur gleichnishaft sprechen und niemals dogmatisch korrekt. Gott ist nie „so“, sondern immer nur „wie“.

Die Theologie hat diese Zusammenhänge immer wieder bedacht:

Berühmt geworden ist Dietrich Bonhoeffers provokante Formulierung: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“. Natürlich war Bonhoeffer nicht der Meinung, es gäbe keinen Gott, ganz im Gegenteil, aber Gott „gibt“ es eben nicht, wie es irgendetwas anderes auf dieser Welt „gibt“. Er ist nicht ‚etwas, das es gibt‘, sondern der ‚Grund und der Ursprung‘ all dessen, ‚was es gibt‘.

Martin Heidegger würde sagen, das ‚Sein‘ ist gerade nicht das ‚Seiende‘, sondern das ‚Sein‘ des ‚Seienden‘.

Und Karl Barth hat einmal sinngemäß formuliert: Wenn du ganz und gar sicher bist, etwas von Gott verstanden zu haben, kannst du ganz und gar sicher sein, dass es nicht Gott war, von dem du etwas verstanden hast.  Insofern ist die polyphone Gleichzeitigkeit spannungsvoller Gottesbilder ein narrativer Ausdruck dialektischer Theologie.

Das Wesen biblischer Gottesbilder besteht in ihren überzogenen anthropomorphen Darstellungen. Das Transzendente, besser: der Transzendente wird immanent zur Sprache gebracht, das n-Dimensionale 3-dimensional gefasst. Sprachliche Gottesbilder haben in dieser Hinsicht etwas mit der Inkarnation des Jenseitigen zu tun. Am Ende erklären sie nichts, sondern führen ins Staunen.  Aber möglicherweise besteht ja gerade darin die höchste theologische Erkenntnis.

Prominent wird uns dies in Hiob 38 vor Augen geführt. Gott erscheint dem Hiob in einer eindrucksvollen Theophanie, die aber am Ende nichts entschlüsselt, nichts einsichtig macht, nichts erkennen lässt, außer, dass Er Gott ist und Hiob ein Mensch. Diese Gottesbegegnung führt nicht in die vollendete theologische Erkenntnis, sondern in die Demut und ins Staunen. Wer Gott verstehen will, muss eben verstehen, dass er Ihn nicht verstehen kann und fängt genau darin an, Ihn zu verstehen. Wer demgegenüber ein einzelnes der vielen sprachlichen Gottesbilder herausgreift und dieses verabsolutiert, der schafft sich nicht weniger als ein goldenes Kalb.

Ein letzter Gedanke aber darf nicht fehlen. Aus christlicher Sicht ist er der entscheidende:

Menschen ist es nicht gegeben, ein definitiv gültiges Bild von Gott zu entwickeln. Gott selbst allerdings sehr wohl. Der Begriff der ‚Gottesvorstellung‘ kann ja sprachlich durchaus doppelsinnig aufgefasst werden. Er kann im Sinne des ‚genitivus objectivus‘ die Vorstellungen bezeichnen, die Menschen sich von Gott machen. Er kann aber genauso im Sinne des ‚genitivus subjectivus‘ die ‚Vorstellung Gottes‘, die dieser von sich selbst gibt, verstanden als ‚Selbstvorstellung‘ Gottes, bezeichnen. In diesem Falle sprechen wir von der Vorstellung, die Gott auf dieser Welt gegeben hat, oder besser, von der Art und Weise, wie Er sich dieser Welt vorgestellt hat. Und genau dies ist in Jesus Christus geschehen:

„Er kam sein Eigentum“ (Joh 1,11) – „Ich und mein Vater sind eins“ (Joh 10,30) – „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9), und klassisch in paulinischer Diktion:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15).

In Jesus begegnen wir der sichtbaren Selbstvorstellung des unsichtbaren Gottes, dem ultimativen Selbstbildnis Gottes gewissermaßen. Aber Vorsicht! Auch hier haben wir lediglich ein paar alte Texte vor uns, vier Evangelien und einige Briefe. Unsere Perspektiven auf Jesus bleiben somit wiederum vielgestaltig, unsere Jesusbilder auch und unser Christusverständnis erst recht, geradezu postmodern! Der Glaube begegnet zwar dem lebendigen Gott, sozusagen vollzogen von Herz zu Herz, unsere kognitive Gotteserkenntnis aber ist und bleibt Stückwerk. Bis wir Ihn dereinst sehen werden, „wie er ist“ (1 Joh 3,2). Aber dies liegt in der Zukunft.

Somit fallen biblische Gottesbilder immer wieder aus dem Rahmen. Warum? Wozu? Nach meiner Auffassung, damit sich unser persönliches Gottesbild nicht verfestigt, damit es nicht erstarrt, damit es nicht zur dogmatischen Richtigkeit und dadurch zur Ideologie wird! Wir brauchen keine einfachen religiösen Richtigkeiten, wir bedürfen des Lebens in Fülle! Gott ist immer mehr und anders und größer und lebendiger als alles, was wir von ihm zu erkennen meinen. Wie ein realer Mensch hinter seinem Foto immer ganz anders ist, als es das Foto erkennen lässt, so ist Gott hinter seinen Bildern ebenfalls immer größer, geheimnisvoller und lebendiger als es uns unsere Vorstellungen erahnen lassen.

Verfinge sich ein Mensch in seinen begrenzten Gottesbildern und identifizierte er diese mit der absoluten Wahrheit, verlöre er den grenzenlosen lebendigen Gott selbst aus den Augen. Und genau deshalb fällt Sein Bild immer wieder aus dem Rahmen – ganz im Sinne des 2. Gebotes.



Erziehungsverantwortung

Um Rollenbilder wird seit geraumer Zeit heftig gerungen. Wie kann soll sich Vaterschaft künftig darstellen? Der Beitrag zeichnet einige Linien aus der biblischen Tradition nach und bezieht sie auf heutige Fragestellungen:

Biblische Aspekte zur Vaterschaft


Ewiges Leben?

In der aktuellen Ausgabe der von der Evangelischen Kirche im Rheinland herausgegebenen Schriftenreihe 'DEBATTE' führen Dr. Volker A. Lehnert und Dr. Michael Schmidt-Salomon eine Kontroverse über die Frage nach dem 'Ewigen Leben'. 

Dieses Gespräch und die Möglichkeit, sich an dieser Diskussion zu beteiligen, finden Sie hier:

Dr. Volker A. Lehnert und
Dr. Michael Schmidt-Salomon
WOHIN DES DES WEGES?


Vortragsthemen