Felicitas & Volker Lehnert

Rommerskirchen - Gill


Themen & Texte


GOTT – Ein Bild fällt aus dem Rahmen

Die Frage nach der Legitimität von Gottesbildern hat in der Theologiegeschichte breite Aufmerksamkeit erlangt. In der reformierten Tradition wird das Bildergebot, besser: das Bilderverbot, bekanntlich als eigenes, als zweites Gebot aufgefasst. Sogar von Bilderstürmern hören wir immer wieder in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte. Was aber verbirgt sich hinter diesem Thema?

Beginnen wir ganz vorne:

In Gen 1,26 setzt Gott sich selbst ein Ebenbild: den Menschen. Dahinter steht wohl eine antike Königskritik, eine Anti-Apotheose, ein Protest gegen die Selbstvergottung. Galten in der orientalischen Umwelt allein die Könige als Ebenbilder der Götter, so in Israel alle Menschen. Die Kennzeichnung des Menschen als Gottes Ebenbild wäre dann als herrschaftskritischer, emanzipatorischer Akt aufzufassen. In gewissem Sinne haben wir es hier mit dem geistesgeschichtlichen Vorläufer und Generalimpuls zur Entwicklung von Menschenwürde und Menschenrechten zu tun.

Das Bilderverbot in Ex 20,4 bezieht sich wahrscheinlich auf altorientalische Götzenbilder, in denen die jeweilige Gottheit gleichsam sakramental gegenwärtig  geglaubt und kultisch verehrt wurde. Dies soll dem Gott Israels gegenüber nicht geschehen, wie die Erzählung vom goldenen Kalb eindrücklich illustriert (Ex 32). Er ist allein in seinem Wort und in seinem Namen präsent (Ex 3,14).

Über diese beiden Gestalten von ‚Gottesbildern‘ hinaus kennt die Bibel eine reiche Fülle von sprachlichen Gottesbildern im Sinne narrativer und metaphorischer Rede von  Gott. Logischerweise kann sich das Bilderverbot auf diese Art der Gottesbilder nicht beziehen, jedenfalls nicht kategorisch.

Betrachten wir eine kleine Auswahl:

Gott wird dargestellt als Schöpfer (Gen 1-2), Richter (Gen 6-9), Retter (Ex 12-14), Arzt (Ex15,26), König (Ps 97), Vater (Mt 6,9), Mutter (Jes 66,13), Weingärtner (Jes 5), Wort (Joh 1,1), Liebe (1 Joh 4,16), Feuer (Hebr 12,29), Geist (Joh 4,24) und als  vieles mehr. Er ist präsent im Wort (Jes 55,10f), im Säuseln (1 Kö 19,12), im Brausen (Hiob 38), im Tempel (1 Kö 8,17), im Sohn (Joh 10,30), im Geist (Apg 2), in der Gemeinde (Mt 18,20) und in vielerlei Weise mehr.  

Worin liegt diese große Vielfalt begründet?

Aus theologischer Sicht in der Undarstellbarkeit Gottes. Gott ist und bleibt das größte  „Geheimnis der Welt“ (E. Jüngel) und „wohnt in einem unzugänglichen Lichte“ (1 Tim 6,16). Gott entzieht sich per definitionem unserer Erkenntnisfähigkeit (1 Kor 2, 6-16). Wir schauen lediglich in einen „dunklen Spiegel“, schreibt der Apostel Paulus, und unsere Erkenntnis vollzieht sich immer nur „stückweise“ (1 Kor 13,12). Die vielen unterschiedlichen biblischen Gottesbilder stehen daher notwendigerweise in Spannung zueinander, um genau dies zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise bringen ausgerechnet die sprachlichen Gottesbilder die Unaussprechlichkeit Gottes zur Sprache, indem sie widersprüchlich, vielgestaltig und polyvalent von Dem reden, von Dem man als Mensch eigentlich gar nicht reden kann, jedenfalls nicht hinreichend. Die biblische Kreation von sprachlichen Gottesbildern erfüllt damit paradoxerweise das Bilderverbot und zwar genau dadurch, dass diese sich gegenseitig relativieren, korrigieren, ergänzen, in Frage stellen oder bisweilen sogar aufheben.

Es ist diese Einsicht in die sprachliche Pragmatik metaphorischer Rede, die unseren Glauben vital hält, indem sie uns vor der Ontologisierung der Metapher, dem vordergründigen wörtlichen Verständnis von Bildsprache bewahrt und genau dadurch Immunität gegen Fundamentalismus befördert. Wir können von Gott eben immer nur gleichnishaft sprechen und niemals dogmatisch korrekt. Gott ist nie „so“, sondern immer nur „wie“.

Die Theologie hat diese Zusammenhänge immer wieder bedacht:

Berühmt geworden ist Dietrich Bonhoeffers provokante Formulierung: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“. Natürlich war Bonhoeffer nicht der Meinung, es gäbe keinen Gott, ganz im Gegenteil, aber Gott „gibt“ es eben nicht, wie es irgendetwas anderes auf dieser Welt „gibt“. Er ist nicht ‚etwas, das es gibt‘, sondern der ‚Grund und der Ursprung‘ all dessen, ‚was es gibt‘.

Martin Heidegger würde sagen, das ‚Sein‘ ist gerade nicht das ‚Seiende‘, sondern das ‚Sein‘ des ‚Seienden‘.

Und Karl Barth hat einmal sinngemäß formuliert: Wenn du ganz und gar sicher bist, etwas von Gott verstanden zu haben, kannst du ganz und gar sicher sein, dass es nicht Gott war, von dem du etwas verstanden hast.  Insofern ist die polyphone Gleichzeitigkeit spannungsvoller Gottesbilder ein narrativer Ausdruck dialektischer Theologie.

Das Wesen biblischer Gottesbilder besteht in ihren überzogenen anthropomorphen Darstellungen. Das Transzendente, besser: der Transzendente wird immanent zur Sprache gebracht, das n-Dimensionale 3-dimensional gefasst. Sprachliche Gottesbilder haben in dieser Hinsicht etwas mit der Inkarnation des Jenseitigen zu tun. Am Ende erklären sie nichts, sondern führen ins Staunen.  Aber möglicherweise besteht ja gerade darin die höchste theologische Erkenntnis.

Prominent wird uns dies in Hiob 38 vor Augen geführt. Gott erscheint dem Hiob in einer eindrucksvollen Theophanie, die aber am Ende nichts entschlüsselt, nichts einsichtig macht, nichts erkennen lässt, außer, dass Er Gott ist und Hiob ein Mensch. Diese Gottesbegegnung führt nicht in die vollendete theologische Erkenntnis, sondern in die Demut und ins Staunen. Wer Gott verstehen will, muss eben verstehen, dass er Ihn nicht verstehen kann und fängt genau darin an, Ihn zu verstehen. Wer demgegenüber ein einzelnes der vielen sprachlichen Gottesbilder herausgreift und dieses verabsolutiert, der schafft sich nicht weniger als ein goldenes Kalb.

Ein letzter Gedanke aber darf nicht fehlen. Aus christlicher Sicht ist er der entscheidende:

Menschen ist es nicht gegeben, ein definitiv gültiges Bild von Gott zu entwickeln. Gott selbst allerdings sehr wohl. Der Begriff der ‚Gottesvorstellung‘ kann ja sprachlich durchaus doppelsinnig aufgefasst werden. Er kann im Sinne des ‚genitivus objectivus‘ die Vorstellungen bezeichnen, die Menschen sich von Gott machen. Er kann aber genauso im Sinne des ‚genitivus subjectivus‘ die ‚Vorstellung Gottes‘, die dieser von sich selbst gibt, verstanden als ‚Selbstvorstellung‘ Gottes, bezeichnen. In diesem Falle sprechen wir von der Vorstellung, die Gott auf dieser Welt gegeben hat, oder besser, von der Art und Weise, wie Er sich dieser Welt vorgestellt hat. Und genau dies ist in Jesus Christus geschehen:

„Er kam sein Eigentum“ (Joh 1,11) – „Ich und mein Vater sind eins“ (Joh 10,30) – „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9), und klassisch in paulinischer Diktion:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15).

In Jesus begegnen wir der sichtbaren Selbstvorstellung des unsichtbaren Gottes, dem ultimativen Selbstbildnis Gottes gewissermaßen. Aber Vorsicht! Auch hier haben wir lediglich ein paar alte Texte vor uns, vier Evangelien und einige Briefe. Unsere Perspektiven auf Jesus bleiben somit wiederum vielgestaltig, unsere Jesusbilder auch und unser Christusverständnis erst recht, geradezu postmodern! Der Glaube begegnet zwar dem lebendigen Gott, sozusagen vollzogen von Herz zu Herz, unsere kognitive Gotteserkenntnis aber ist und bleibt Stückwerk. Bis wir Ihn dereinst sehen werden, „wie er ist“ (1 Joh 3,2). Aber dies liegt in der Zukunft.

Somit fallen biblische Gottesbilder immer wieder aus dem Rahmen. Warum? Wozu? Nach meiner Auffassung, damit sich unser persönliches Gottesbild nicht verfestigt, damit es nicht erstarrt, damit es nicht zur dogmatischen Richtigkeit und dadurch zur Ideologie wird! Wir brauchen keine einfachen religiösen Richtigkeiten, wir bedürfen des Lebens in Fülle! Gott ist immer mehr und anders und größer und lebendiger als alles, was wir von ihm zu erkennen meinen. Wie ein realer Mensch hinter seinem Foto immer ganz anders ist, als es das Foto erkennen lässt, so ist Gott hinter seinen Bildern ebenfalls immer größer, geheimnisvoller und lebendiger als es uns unsere Vorstellungen erahnen lassen.

Verfinge sich ein Mensch in seinen begrenzten Gottesbildern und identifizierte er diese mit der absoluten Wahrheit, verlöre er den grenzenlosen lebendigen Gott selbst aus den Augen. Und genau deshalb fällt Sein Bild immer wieder aus dem Rahmen – ganz im Sinne des 2. Gebotes.



Erziehungsverantwortung

Um Rollenbilder wird seit geraumer Zeit heftig gerungen. Wie kann soll sich Vaterschaft künftig darstellen? Der Beitrag zeichnet einige Linien aus der biblischen Tradition nach und bezieht sie auf heutige Fragestellungen:

Biblische Aspekte zur Vaterschaft


Ewiges Leben?

In der aktuellen Ausgabe der von der Evangelischen Kirche im Rheinland herausgegebenen Schriftenreihe 'DEBATTE' führen Dr. Volker A. Lehnert und Dr. Michael Schmidt-Salomon eine Kontroverse über die Frage nach dem 'Ewigen Leben'. 

Dieses Gespräch und die Möglichkeit, sich an dieser Diskussion zu beteiligen, finden Sie hier:

Dr. Volker A. Lehnert und
Dr. Michael Schmidt-Salomon
WOHIN DES DES WEGES?


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